Theoretischer Hintergrund

Die professionelle Wahrnehmung der Lernprozesse von Schüler:innen ist DER Schlüssel zu effektivem unterrichtlichen Handeln von Lehrpersonen. Wie nun versetzt man angehende Lehrpersonen bereits während des Studiums in die Lage, Unterricht in seinen Prozessen und Facetten professionell, d.h. gefiltert durch Rückgriff auf Wissensbestände, wahrzunehmen?

Professionelle Unterrichtswahrnehmung (PU)

 

Projektziele

Unterrichtliches Handeln ist durch eine Gleichzeitigkeit verschiedenster Handlungs- und Entscheidungsebenen gekennzeichnet. Entsprechend komplex und vielschichtig sind die Anforderungen an Lehrpersonen. Dies wird bei Betrachtung der theoretischen Modellierung professioneller Kompetenz nach Meschede (2014) sowie Blömeke, Gustafsson & Shavelson (2015) klar: Durch Rückgriff auf theoriebasierte Wissensbestände, Überzeugungen und Handlungsskripte nehmen Lehrpersonen unterrichtliche Situationen gefiltert wahr. Simultan leiten sie auf die Wahrnehmung bezogen Handlungsoptionen ab und entscheiden, welche davon umgesetzt wird. Angehende Lehrpersonen stellt es dabei vor besonders große Herausforderungen, angemessen unterrichtlich zu handeln. Sie benötigen Lerngelegenheiten, um Wissen mit Handeln zu verknüpfen und wie sie Handlungsskripte gezielt einsetzen können. Gegenüber einem kalten Bad in der Praxiserfahrung stellt die Arbeit mit Videos bzw. Videovignetten einen vorteilhaften Zwischenschritt in der Anbahnung unterrichtlicher Handlungskompetenz dar. Vignetten können angehalten und wiederholt werden – sie können wahrgenommen werden und Handlungsoptionen können entwickelt werden, ohne unmittelbarem Handlungsdruck ausgesetzt zu sein (Kersting et al. 2012). Der Einsatz von Videovignetten stellt damit einen hochschuldidaktischen Zugang zum situierten Lernen dar. Er ermöglicht die Erschliessung und Nutzbarmachung unterrichtlicher Situationen in der universitären Ausbildung (Blomberg et al. 2013).

In bisherigen Arbeiten konnten Messinstrumente etabliert werden und Zuwächse der PUW in Abhängigkeit unterschiedlicher Randbedingungen gezeigt werden (Kunter & Klusmann 2010; Rehm & Bölsterli 2014; Straub, Geißel & Rehm 2020; Meister et al. 2020). Für den Bereich des Lernens an und mit Vignetten zur Anbahnung bzw. Förderung der PU besteht hier ein Desiderat in der systematischen Aufbereitung von Lehrkonzeptionen mit Unterrichtsvideos. VidNuT greift diesen Produktbedarf auf. Ziel ist der Aufbau einer gemeinsamen, EU-DSGVO-konformen Vignetten-Datenbank zur Nutzung für Institutionen der Lehrpersonenausbildung. Konkret werden in vier Unterrichtsfächern zu insgesamt zwölf Themenbereichen von Lernendenvorstellungen Videovignetten mit Aufgabenstämmen als Online-Lernumgebung erstellt. Die Lernumgebung wird in unterschiedlichen Lehrveranstaltungs-Settings integriert.

Projektziele

Projektstruktur

Unterrichtsvideos und -vignetten als Ausschnitt stellen einen Teil der Realität des gesamten Unterrichtsgeschehens dar (Meschede & Steffensky 2018). Um nun nicht wahllos oder gar verzerrte Ausschnitte der Unterrichtsrealität (Dinkelaker 2018) zu erhalten, sind Videodreh und Vignettengenese unter Berücksichtigung auf den gegenwärtigen Stand der Vignettenforschung zu beziehen (z. B. Gold et al. 2017; Meschede & Steffensky 2018). Im VidNuT-Projektteam arbeiten Fachdidaktiker:innen, Expert:innen für Digital Design, Digitale Online-Lernumgebungen und Evaluation zusammen. Die Projektstruktur in VidNuT erhöht dabei die Reichweite, damit den Impact des Projektes, auf zweierlei Weise. Das Projekt VidNuT wird in Zusammenarbeit mehrerer sog. «kleiner Fächer» durchgeführt und es ist über die Fachdidaktik hinaus interdisziplinär. Der Eigenausdruck «kleiner Fächer» hat einen doppelten Bezug sowohl hinsichtlich der in der hochschulischen Ausbildung traditionell kleineren Studierendenzahlen im Vergleich mit Fächern wie Mathematik, Deutsch, Geschichte, Englisch und anderen als auch hinsichtlich des Umfanges in den Stundentafeln der Teilnehmerländer. Eine Zusammenarbeit mehrerer dieser Fächer an unterschiedlichen Hochschulstandorten erhöht dabei die Anzahl der erreichten Studierenden deutlich und verbessert gleichzeitig den Austausch zwischen den Fächern bzw. zwischen den Dozierenden an den Projektstandorten. Durch die interdisziplinäre Zusammensetzung des Projektteams ist neben dem Sharing fachdidaktischer Expertise zu Lernendenvorstellungen, professioneller Kompetenz und Videovignetten gewährleistet, dass die Vignetten videotechnisch optimal konzipiert und ausgestaltet sind, dass die Integration in die digitale Online-Lernumgebung technisch nahtlos ermöglicht wird, und dass das Projekt überfachlich hinsichtlich aller Stakeholder evaluiert und verbreitet wird.

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​Beteiligte Standorte des Projektes VidNuT

Im Projekt werden an den unterschiedlichen Standorten Unterrichtsvideos gedreht und Vignetten zur Verwendung in gemeinsam zu konzipierenden Lehrveranstaltungsformaten generiert. Idealerweise umfasst der vignettenbasierte Abschnitt der jeweiligen Lehrveranstaltungen sechs Seminarsitzungen à 90 Minuten. Daneben werden detaillierte Informationen über best-practice-Lehrkonzepte generiert sowie Hypothesen für weiterführende Forschungsprojekte gewonnen. Diese werden an den jeweiligen Hochschulstandorten von den sog. VidNuT-Designern entwickelt und durch eine fachliche, fachdidaktische und forschungsmethodische Expertise von den VidNuT-Experts begleitet.

 
 

Fachdidaktischer Anker

Schüler- und Schülerinnenvorstellungen haben eine herausragende Rolle für Lehr-Lern-Prozesse (z. B. Gropengießer & Marohn 2018). Eine Fokussierung auf Schüler- und Schülerinnenvorstellungen als bedeutsame theoretische Rahmung fachdidaktischer Forschungs- und Entwicklungsarbeit stellt somit einen tragenden Zugang zur professionellen Wahrnehmung naturwissenschaftlich-technischen Unterrichtsgeschehens dar. Hierbei werden in VidNuT bestehende Arbeiten zu Schüler:innen-Vorstellungen gesichtet und sind grundlegend für die strukturierte Gestaltung der Skripte für die Vignetten.

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Projektstruktur innerhalb VidNuT (Videovignetten in Naturwissenschaft, Technik und Textil)

Best practice bzw. good practice im Umgang mit Schüler:innen-Vorstellungen wird im Video gezeigt (Blomberg et al. 2013) und die Studierenden können daran lernen sowie ihre Wahrnehmungen und Handlungsoptionen co-konstruktiv teilen Lehrveranstaltungskonzeptionen, die am aktuellen Stand der Vignettenforschung aufgebaut sind.

PUW wird im Projekt VidNuT durch die Fokussierung auf Lernendenvorstellungen klar umrissen an einem konkreten Teil des fachdidaktischen Theoriegerüsts gefördert, die Arbeit mit den Vignetten in den Lehrveranstaltungen daran ausgerichtet. Die digitale Lernumgebung wird um neue Bearbeitungs- und Annotationsfunktionen erweitert.

 

Projektverlauf

Konkret werden an den verschieden Projektstandorten in den beteiligten Fachbereichen die nachfolgenden Inhaltsbereiche in den Unterrichtsvideovignetten adressiert:

  • VidNuT 1:   Redox (Chemie: Standort PH Tirol)

  • VidNuT 2:   Säure-Base (Chemie: Uni Wien)

  • VidNuT 3:   Nature of Science (Chemie: PH Heidelberg)

  • VidNuT 4:   Optik (Physik: PH Schwäbisch Gmünd)

  • VidNuT 5:   Energieumwandlungen (Physik: Uni Bozen)

  • VidNuT 6:   Wärme (Physik: PH Tirol)

  • VidNuT 7:   Roboter bzw. roboterähnliche Maschinen (Technik: PH Tirol)

  • VidNuT 8:   Elektrotechnik (Technik: PH Ludwigsburg)

  • VidNuT 9:   Mechanik/Energiebereitstellung (Technik: PH Schwäbisch Gmünd)

  • VidNuT 10: Hülle (Textil: PH Luzern)

  • VidNuT 11: Textile Wertschöpfungsketten (Textil: PH Tirol)

  • VidNuT 12: Faser-Farbe-Fläche (Textil: PH Bern)

 

Einen wesentlichen Teil zur Vernetzung der teilnehmenden Hochschulen im Projekt stellen gemeinsame Retreats der Projektteilnehmer und Projektteilnehmerinnen dar (TPM: Transnational Projekt Meeting für den Austausch der VidNuT-Experts; C: Learning, Teaching, Training Activity für den Kompetenzerwerb der VidNuT-Designer; ME: Multiplier Events für die Dissemination).

Es werden insgesamt 36 Unterrichtsvideovignetten mit Kontextmaterialien und Aufgabenstämmen entwickelt und für UnterrichtOnline als eLearning-Lernumgebungen weiterentwickelt: Je Fach und Standort werden drei Vignetten plus Materialien und Aufgaben erarbeitet, d. h. neun in Technik, neun in Textil, etc. Neben der im Projekt entwickelten Unterrichtsvideovignetten (O1) und der Generierung von Lehrveranstaltungskonzeptionen sowie der Etablierung der eLearningplattform (O3 & O4) wird ein Manual erstellt, das das konkrete Vorgehen bei der Entwicklung beschreiben soll (O2).

Zudem wird theoriegeleitet geklärt, in welcher Kompetenzmodellierung die PU verortet wird, was Modelle bzw. Heuristiken zur Vignettengestaltung, Aufgabengenerierung und Ausgestaltung der Lehrveranstaltungskonzeptionen im Projekt sein werden. Eine weitere Ebene thematisiert die Untersuchung empirischer Forschungsfragen im Rahmen der Veranstaltungsformate (qualitativ bzw. quantitativ). Diese werden in einer anschliessenden Projektaustauschphase einbezogen, um die Konzepte zu finalisieren und evidenzbasiert in die Hochschulcurricula einzuarbeiten. Evaluiert bzw. befragt werden alle Studierenden der Lehrveranstaltungen sowie die Lehrveranstaltungsleitungen.

In weiteren digitalen Treffen (V1 & V2) werden die bedarfsorientierten Inhalte zu den gewählten Medien (bspw. ergänzende Beratung zum Videodrehworkshop durch den Digital Designer) oder den Lehrveranstaltungskonzeptionen (Austausch via World-Cafés) sowie Forschungsmethoden (Beratung und Absprache für die empirische Evaluierung) beinhalten. Eine beratende Rolle nehmen zusätzlich die Critical Friends im Projekt ein, externe Hochschuldozierende der beteiligten Fächer, die die VidNuT-Produkte prüfen und Rückmeldung geben.

Critical Friends:

Prof. Dr. Maike Busker (Europa Universität Flensburg)

Prof. Dr. Heike Derwanz (Universität Oldenburg)

Prof. Dr. Jan Grünwald (Univ Mozarteum Salzburg)

Prof. Dr. Claudia Haagen-Schützenhöfer (Universität Graz)

HS Prof. Dr. Ingrid Krumphals (PH Steiermark)

JProf. Dr. Nico Link (Universität Dresden)

HS Prof. Dr. Beate Mayr-Zinser (KPH Edith Stein)

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